Melancholiker
Aus Stupidedia
Melancholiker, der: tiefsinniger Zeitgenosse, der es liebt, an ersten nieslig-neblichten Herbsttagen, mit hochgeschlagenem Mantelkragen, über grossstädtische Friedhöfe zu flanieren und sich morbiden Gedanken hinzugeben.
Ihre Schultern sanft in edlem Wollpullover wiegend, streift diese Kreatur müden Blickes den verwehten Spuren des Sommers hinterher, hier einen verblühten Rosenstock grüssend, dort mit zärtlichem Auge die Patina eines Kupferengels liebkosend: "Tod, wo ist dein Stachel?"
Und wenn die Dämmerung heraufzieht, im Zwielicht die Abendmutter hinter wehendem Gebüsch hervorlugt und schaurige Kindheitserinnerungen ein wohlig-grusliges Gefühl erzeugen, dann richtet der Melancholiker seine Schritte zum nächsten Taxistand. Auf der Heimfahrt lässt er vor seinem Weinhändler halten und, unter schweren Augenlidern die Etiketten der bauchigen Flaschen musternd, entscheidet er sich für ein Fläschchen Montrachet, im Angebot für 34,95€. Schwer fühlt er die in Seidenpapier gewickelte Flasche in den tiefen Taschen seines Trenchcoats, ihn an die Last des irdischen Seins gemahnend. Und bevor er nun endgültig seine Schritte in Richtung heimeliger Wohnung lenkt, kehrt er noch auf einen kurzen Pastis ein in sein Bistro. Dort, inmitten anderer Melancholiker, an kleinen edelhölzernen Tischchen einsam in ihr Schicksal ergeben, fällt sein Blick auf seine neuen Wildlederschuhe. Da, ein dunkler Fleck Feuchtigkeit! Das wird wohl einen bösen Kranz hinterlassen, der nie mehr weggeht!! Und so sieht der Melancholiker seine Weltsicht auch in diesem erschütternden Augenblick noch einmal bestätigt, bevor er endgültig nach Hause geht.
Gottlob, daheim wartet eine Gefährtin auf ihn, und nach den Antipasti wird es schweren Braten geben. Und seine Schritte werden schneller, sein Blick hellt sich auf. Denn er ist ja nur ein Melancholiker aus Neigung, und, Gott bewahre, mitnichten depressiv.
Auch Lesezeichen können sozial sein:






